Aktuell
Aus aktuellem Anlass: Wer ist Kunkel?
von No Pasarán 1/2005 - 14.4.2005 19:02

Aus aktuellem Anlass (NPD-Großveranstaltung in Stolberg am Samstag, 16. April) dokumentieren wir hier einen Bericht aus der Zeitung "No Pasarán" Ausgabe 1/2005 über Willibert Kunkel, Vorsitzender der NPD Aachen.

Stolberg im August 2002. Rund 70 Neonazis aus verschiedenen Teilen NRWs demonstrieren unter dem Motto „Arbeit zuerst für Deutsche“ durch die Kupferstadt im Kreis Aachen. Mitten im Geschehen steht der Demoanmelder: Der 1950 geborene Willibert Kunkel. „Kameraden - Trillerpfeifen raus!“, kommandiert er in zackig-militärischem Ton seine Gefolgschaft. Der Habitus des gelernten technischen Zeichners ist so peinlich, dass sich selbst Kunkels „Kamerad“ Claus Cremer, zuständig für die „außerparteiliche Koordination“ der nordrhein-westfälischen NPD und eigens aus Bochum-Wattenscheid angereist, an den Kopf fasst.

Von der DVU zur NPD
Doch der erste Eindruck täuscht: Kunkel ist nicht irgendein Provinzfunktionär, sondern zählt zur ersten Garde der NPD in NRW. Der Mann, der sich dem WDR-Fernsehen gegenüber selbst als „Neonazi“ bezeichnete, übte sich jahrelang in der DVU. Bei der Bundestagswahl 1998 kandidierte er auf Platz fünf der Landesliste, die vom DVU-Vorsitzenden Gerhard Frey angeführt wurde. Mit 2,2 Prozent der Stimmen gelang ihm bei der Kommunalwahl 1999 der Einzug in den Stolberger Stadtrat. Im Laufe der Legislaturperiode überwarf er sich jedoch mit Frey. Der Streit entzündete sich an einem vom Münchener Parteichef ausgesprochenen Teilnahmeverbot für DVU-Mitglieder an einer Demonstration gegen die Wehrmachtsausstellung in Bielefeld. Kunkel konvertierte Anfang 2002 zur NPD, sein Ratsmandat und Teile der örtlichen DVU nahm er gleich mit.Seine neue politische Heimat bot ihm eine steile „Karriere“. Bereits im April 2002 übernahm Kunkel den Vorsitz des Aachener NPD-Kreisverbandes. Für die im September des gleichen Jahres zeitgleich zur Bundestagwahl stattfindende Landratswahl im Ennepe-Ruhr-Kreis stellte die örtliche NPD den Stolberger als Kandidaten auf. In der Folgezeit wurde er zunehmend in die Koordination größerer Aktivitäten eingebunden. So steuerte Kunkel die Anreise zum zentralen NPD-Aufmarsch am 1. Mai 2003 in Berlin für die gesamte Region Aachen-Köln. Sein umtriebiges Engagement in der Partei machte sich bezahlt: Auf dem Landesparteitag am 18. April 2004 wurde er erneut in den Landesvorstand gewählt, in dem er als „kommunalpolitischer Sprecher“ fungiert. Eine zentrale Rolle dürfte Kunkel auch im Bezirksverband Aachen-Mittelrhein spielen, der die Kreisverbände Aachen, Köln, Mönchengladbach/Heinsberg sowie Erftkreis umfasst.Mittlerweile ist Kunkel NRW-weit als Redner bei neonazistischen Demonstrationen anzutreffen. So zum Beispiel bei einem antisemitischen Aufmarsch in Bochum am 26. Juni 2004, wo neben ihm u.a. Constant Kusters (NVU, Niederlande) und Axel Reitz (KDS, Bergheim) sprachen. Die regionale Szene im Grenzland zu den Niederlanden verliert er dabei nicht aus dem Blick: Zuletzt trat Kunkel dort als Abschlussredner eines „Heldengedenkmarsches“ neonazistischer Gruppen am 6. November 2004 in Erkelenz (Kreis Heinsberg) in Erscheinung. Die Demonstration war von Andreas Mertens für die „Offensive Grenzland“ organisiert worden.

Im Bündnis mit militanten Gruppen
Um den „Kampf um die Straße“ bemüht sich Kunkel auch an seinem Wohnort. Zwischen Februar 2002 und November 2003 meldete der Stolberger drei Demonstrationen in der Region Aachen an: „Die Rechten gegen Schächten“ (Stolberg, 16. Februar 2002, ca. 35 Teilnehmer), „Arbeit zuerst für Deutsche“ (Stolberg, 24. August 2002, ca. 70 Teilnehmer) und „Todesstrafe für Kinderschänder“ (Aachen, 5. November 2003, ca. 30 Teilnehmer). Zu einer städtischen „Kehraus“-Aktion in Stolberg im September 2004, mitten im Kommunalwahlkampf, mobilisierten Kunkel und Anhang rund 40 „Kameraden“. Neben den lokalen Neonazis setzte sich die überwiegend glatzköpfige Gruppe von Müllsammlern vor allem aus Mitgliedern des benachbarten NPD-Kreisverbandes Mönchengladbach/Heinsberg und der militanten „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) zusammen. Zu beiden Gruppen hält Kunkel intensive Kontakte. Die KAL um Rene Laube (Langerwehe, Kreis Düren) und Karsten Büttgen (Düren) ist durch Aktivisten mit Doppelmitgliedschaft besonders eng mit der Aachener NPD verbandelt. Im Gegenzug für deren Hilfe in Stolberg unterstützt Kunkel die Mönchengladbacher NPD beim Aufbau von Strukturen: Am 11. Juni 2003 leitete er deren Jahreshauptversammlung.
Bei seiner politischen Tätigkeit kann Kunkel auch auf Unterstützung aus seinem unmittelbaren Umfeld bauen: Seine Ehefrau Brigitte Kunkel fehlt bei kaum einer Aktion der Aachener NPD. Bei der Kommunalwahl im September 2004 kandidierte die kaufmännische Angestellte auf Platz 3 der Reserveliste für den Stolberger Stadtrat. Dies reichte zwar nicht für ein Mandat, mittlerweile ist aber auch sie mit einem Pöstchen versorgt: Sie vertritt die NPD im Sozialausschuss der Stadt.

Der Würger von Stolberg...
Kunkel kooperiert nicht nur mit gewaltbereiten Neonazi-Gruppen – er selbst tritt vermeintlichen oder tatsächlichen politischen Gegnern aggressiv gegenüber auf. Betrunken versuchte er im September 2004, Besucher eines antifaschistischen Jugendkonzertes in Stolberg zu provozieren.
Am Morgen des gleichen Tages hatte er bereits einem Antifaschisten Gewalt angedroht. Doch bei verbalen Drohungen belässt er es nicht, was ihn auch schon mit der Justiz in Konflikt brachte. Das Amtsgericht Eschweiler (Kreis Aachen) verhängte eine Geldstrafe von 2.100 € wegen vorsätzlicher Körperverletzung. Kunkel war am 20. September 2003 alkoholisiert von einer Demonstration in Dortmund gegen die Wehrmachtsausstellung zurückgekehrt, an der er gemeinsam mit Mitgliedern der KAL teilgenommen hatte. Vor seiner Haustür traf er auf eine Gruppe Jugendlicher, die er einem Pressebericht zufolge für demonstrierende Antifaschisten hielt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der NPD-Mann einen zur Tatzeit 13-Jährigen aus der Gruppe würgte.

Ambitionen auf Bundesebene
Im September 2003 meldete das Parteiblatt „Deutsche Stimme“, dass Kunkel im hessischen Wölfersheim als Beisitzer in den Vorstand einer neu gegründeten „Kommunalpolitischen Vereinigung“ gewählt wurde. Dieses Votum kann jedoch NPD-Kundgebung in Aachen (November 2003).
kaum als Indiz für kommunalpolitische Kompetenz des Stolbergers gewertet werden. Insider der lokalen politischen Szene beschreiben sein Auftreten im Stadtrat eher als unauffällig und zurückhaltend.
Dennoch gaben drei Prozent der Stolberger Wähler bei der Kommunalwahl im September 2004 der NPD ihre Stimme.
Das reichte für zwei Mandate. Kunkel sitzt nun gemeinsam mit Oliver Harf, Mitglied der Aachener Burschenschaft „Libertas Brünn“ und Landesvorsitzender des „Nationaldemokratischen Hochschulbundes“ (NHB), im Stadtrat und darf sich „Fraktionsvorsitzender“ nennen. Dieser relative Erfolg ist ihm wohl zu Kopf gestiegen und hat zu einem völligen politischen Realitätsverlust geführt. In der konstituierenden Ratssitzung kandidierte der NPD-Mann für das Amt des stellvertretenden Bürgermeisters und wurde - was leicht abzusehen war - natürlich nicht gewählt. Obwohl mit Rudolf Motter (DVU) und den zwei NPD-Leuten ‚nur’ drei ausgewiesene Faschisten im Rat sitzen, erhielt der Rechtsaußen-Kandidat vier Stimmen. Unterstützung für die NPD kommt also noch von anderer Seite. Örtliche Antifaschisten vermuten Hans Emonds, Ratsherr der „Unabhängigen Wählergemeinschaft“ (UWG), hinter der vierten Stimme. Emonds hatte in der vergangenen Legislaturperiode einen freundschaftlichen Umgang mit dem NPD-Kreisvorsitzenden gepflegt. Mit seiner Niederlage wollte sich Kunkel indes nicht abfinden. Vollmundig kündigte er an, das Votum anfechten zu wollen.Auch innerhalb seiner Partei sieht er sich zu höheren Aufgaben berufen, scheint sich und die Bedeutung der Stolberger NPD auf Bundesebene dabei aber einmal mehr zu überschätzen. Im Oktober 2004 scheiterte er beim Bundesparteitag im thüringischen Leinefelde mit seiner Kandidatur zum NPD-Bundesvorstand. Während sein Landesvorsitzender Stephan Haase mit den zweitwenigsten Stimmen der gewählten Vorstandsmitglieder gerade eben noch im zweiten Wahlgang in den Vorstand rutschte, reichte es für Kunkel ebenso wenig wie für seinen ebenfalls antretenden Ratskollegen Harf. Vor der Landtagswahl im Mai diesen Jahres kann der Stolberger nun auch eine Karriere in Düsseldorf hoffen. Sollte wider Erwarten der NPD der Sprung über die Fünf-Prozente-Hürde schaffen, würde Kunkel in den Landtag einziehen. Seine Partei wählte ihn auf den „sicheren“ sechsten Listenplatz.

Fazit
Für die Aktivitäten der NPD in der Region Aachen spielt Kunkel eine zentrale Rolle. Als Organisator von Demonstrationen und durch seine Tätigkeit im Stolberger Stadtrat trägt er erheblich zur Öffentlichkeitsarbeit der regionalen Nazi-Szene bei. Dem aktionistischen Multifunktionär gelingt es über seine persönlichen Kontakte sowohl innerhalb der NPD als auch in die parteiungebundene Szene hinein, regelmäßig ein Potenzial von ca. 40 Neonazis für Aktivitäten in und um Stolberg zu mobilisieren.
Darüber hinaus wird Kunkel wohl auch künftig bei Demonstrationen in NRW anzutreffen sein. Seine Kooperation mit gewaltbereiten Gruppen und seine eigene Bereitschaft, Gewalt auszuüben, machen den Stolberger zu einer konkreten Gefahr - nicht nur für politische Gegner.

Quelle: No Pasarán, 1/2005

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