Aktuell
9.September 2000 - Rede von Kurt Heiler (VVN-BdA Aachen)
von Antifa Düren - 5.11.2004 21:27

Rede von Kurt Heiler, Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes- Bund
der Antifaschistinnen und Antifaschisten, Kreisverband Aachen am Sa.
9.September 2000 anlässlich des Tags der Heimat in Düren. Hauptredner
des Treffens der Vertriebenen: Rüdiger Goldmann, CDU Mitglied des
Landtags und Mitglied im rechtsextremen Witiko-Bund

"Kein Platz für Neonazis in Düren und anderswo!"

Liebe Dürener, liebe Freundinnen und Freunde, Kein Tag vergeht, an dem nicht ein Stadtrat, eine staatliche Institution, eine Zeitung oder eine Schule "mobil macht gegen rechts." Wir erkennen das Land nicht wieder. Sind wir geworden ein Volk von friedlich exportierenden Antifaschisten? Dieses Selbstbild, das vor allem von den Medien geprägt wird, kann nicht überzeugen, weil es nur ein Ausschnitt der Realität ist, der Ausschnitt, der gefällt. Die andere hässliche Seite- von der werde ich jetzt reden. Dazu ein Beispiel aus der Region: Die Aachener Zeitung, die hier in Düren Dürener Zeitung heißt, hat eine eigene Kampagne entwickelt: "Hallo Mensch!- Was heißt hier fremd?" Sie entwerfen Unterschriftenlisten, rufen zu Kundgebungen auf und machen- wie sie selbst schreiben- "mobil gegen rechts". Was ist aus dieser Zeitung geworden? Es nur ein paar Jahre her, da lauteten die Titelzeilen derselben Zeitung: "Fällt mit den Grenzen auch die letzte Hemmschwelle beim Asylmissbrauch?" oder "Die Asylanten-Flut schwappt im Kreis Aachen über" oder "Asylbewerber: "Grenzen der Belastung erreicht" und wieder "Asylantenflut in die Kreise Heinsberg und Aachen?". In einem typischen Kommentar der Zeitung heißt es wörtlich: "Die meisten von ihnen [Afrikaner] haben daheim den ewigen Sommer. Nur ein Zuhause haben sie nicht mehr. Jedenfalls behaupten sie das oder ähnliches...Rädelsführer gibt es überall, wo Rabatz angesagt ist. Mit ihnen muss deutlich geredet werden. Die verstehen nämlich keine andere Sprache...Ganz einfach: Abschieben!"

So und nicht anders hören wir heute die Skinheads bei ihren Jagden auf Ausländer reden: Die sollen weg, sagen ja alle, und wir helfen nach, weil die keine andere Sprache verstehen. Die über 100 ermordeten Menschen, die Tausende von Brandanschlägen und Straftaten gegen Flüchtlinge und Ausländer Anfang der 90 er Jahre sind nur vor dem Hintergrund des Wirkens von Rassisten in den Redaktionsstuben nicht nur der Aachener Zeitung erklärbar. In unserem Kreis gibt es Städte und Gemeinden, die sich zur rassismusfreien Zone erklären. Wir unterstellen zumindest mal den guten Willen der Beteiligten. Wir aber haben nicht vergessen, dass diese Stadträte auch schon mal ganz andere Resolutionen verfassten. Hier ein Beispiel aus der näheren Umgebung: Der Stadtrat der Stadt Alsdorf hat am 16. 5. 1991 mit der Mehrheit von SPD und CDU folgendes beschlossen: "...fordert, dass dem unkontrollierten Zustrom und der Überschwemmung unserer Städte mit Menschen, die ausschließlich aus wirtschaftlichen Gründen aus der 3. Welt zu uns geschleust werden, ein Riegel vorgeschoben wird...Wir sind kein Einwanderungsland und dicht besiedelt. Deshalb können sich nicht alle, die auf ein besseres Leben hoffen, auf deutschem Boden versammeln...schnellstmöglich alle gesetzlichen und ggf. grundgesetzlichen Möglichkeiten in Erwägung zu ziehen, um der nicht mehr zu verkraftenden Überschwemmung und Überfremdung mit Wirtschaftsflüchtlingen in unseren Städten zu begegnen." Soweit der Stadtrat von Alsdorf, der sich doch nicht wundern darf, dass es in Alsdorf eine stabile Fraktion der Republikaner gibt und dass diese in Alsdorf bei den letzten Kommunalwahlen ihr bestes Ergebnis in NRW erzielten. Wir verwehren niemand, seine Position zu verändern, eine andere Haltung einzunehmen und wir würden diese nicht wiederzuerkennenden ehemaligen Rassisten in ihrem Kampf gegen Rechts nur zu gern ernst nehmen, wenn sie auch nur annähernd ihre geänderte Haltung erklären könnten und die Verantwortung für ihr bisheriges rassistisches Geschwätz übernehmen würden. Da sie jedoch so tun, als würden sie sich zum ersten Mal mit der Materie beschäftigen, ihre eigene Vergangenheit nicht mehr kennen, bleibt ein tiefes Misstrauen, ob sich die Position der heute gegen Nazis streitenden staatstragenden Kräfte nicht morgen schon wieder ändert, wenn's denn dem Standort- und das heißt immer den wirtschaftlich Mächtigen- nutzt. Nun könnte man einwenden, dass die von mir genannten Beispiele 8-10 Jahre her sind. Das aber ist zu einfach, denn selbstverständlich lassen sich ähnliche Zitate auch bis heute finden: Wenn z.B. der hessische Ministerpräsident Koch am 19. August 2000 sagt: "Wir sind an der Grenze der Aufnahmefähigkeit von Ausländern angekommen, weil wir sie nicht mehr integrieren können." Oder zentral die "Abgrenzung" zum Neofaschismus thematisierend der bayrische Innenminister Günter Beckstein am 10. Juni 2000 "Wir brauchen weniger Ausländer, die uns ausnützen, und mehr, die uns nützen".

Und weil die Neonazis einen dunkelhäutigen Menschen nicht vorher fragen, ob er Computer bedienen kann, bevor sie ihn erschlagen, deshalb sind Leute wie Beckstein jetzt die heißesten Verfechter von Verbotsforderungen gegen die NPD. Die Neofaschisten sind die Einpeitscher und Nutznießer solch rassistischer Sprüche. Einerseits können sie stolz behaupten, dass sich ihre Forderungen nach Abschaffung des Asylrechts im Grundgesetz bis in Einzelformulierungen durchgesetzt haben. Andererseits greifen sie rassistische Sprüche aus der Politik auf und nutzen sie für eigene Kampagnen. Als Bundskanzler Schröder am 20. Juli 1997 den fatalen Satz sagte: "Wer unser Gastrecht missbraucht, für den gibt es nur eins: raus, und zwar schnell..." da machte das Theorieorgan der Neonazis "Nation und Europa" daraus Aufkleber, auf dem Schröder samt Zitat zu sehen war mit dem Zusatz "Schröder beim Wort nehmen". Wenn der ehemalige Bundesminister und CDU Spitzenkandidat für den Ministerpräsidentensessel NRW's, Rüttgers, eine Kampagne startet unter dem Motto "Kinder statt Inder" dann machen die Reps daraus ein Plakat, unter das sie nur noch schreiben: "Wir halten unsere Versprechen". Sowenig also trennt die jetzt plötzlich multikulturell sich gebenden Politiker vom Neofaschismus. Diese geringe Differenz aber war nützlich, galt doch der Rassismus der Politiker als "gemäßigt" solange man noch mit dem Finger auf die Neonazis zeigen konnte, die immer noch eine Idee direkter waren. Wir machen uns keine Illusionen darüber, dass auch in der Bevölkerung eine starke rassistische Stimmung herrscht. Seit 1980 wissen wir, dass- bis heute nahezu unverändert- ca. 13 % der Wahlbevölkerung ein festgefügtes rechtsextremes Weltbild haben, dass die Zustimmung zu demokratiefeindlichen oder gar rassistischen Aussagen weit darüber hinaus geht. Und so wundert es uns auch nicht, dass hier heute in Düren wenig Beteiligung aus der Bevölkerung und der demokratischen Politik ist. Zivilcourage- das sind in unserem Land immer die Anderen. Wir werden sicher auch wieder gefragt, ob wir denn gewaltfrei seien? Nur die Frage richtet sich an die Falschen. Gewalt als Mittel der Politik ist von dieser Regierung vorgemacht worden, als eine Mehrheit des Bundestags zustimmte, Grundgesetz und Völkerrecht zu brechen und einen Angriffskrieg gegen ein souveränes Land- Jugoslawien- zu führen. Krieg als Mittel der Politik wurde eingesetzt von denen, mit denen wir jetzt gemeinsam "Gegen Nazis- aber gewaltfrei" rufen sollen. Die Gewalt geht vom Faschismus aus. Er kommt ohne Gewalt nicht aus. Sich dagegen zu wehren ist legitim und auch nötig, wie die Erfahrung zeigt. Staatsorgane wie die Polizei schützen im Zusammenspiel mit der Justiz seit Jahren die Neofaschisten und ermöglichen den Nazis, Aufmarsch um Aufmarsch durchzuführen. Der gleiche Polizeipräsident von Aachen, Herr Bönninghaus, der nunmehr ein Initiator der "Mobilmachung gegen Rechts" ist, hat klammheimlich einen Aufmarsch der NPD in Aachen genehmigt.

Hunderte von Polizisten hat er dafür aufgeboten und die öffentliche Auseinandersetzung gemieden. Als sich spontan Widerstand gegen diese NPD Provokation erhob, wurden die Menschen festgenommen, die gegen die Nazis Parolen riefen und den Grüßen einige Früchte hinterherschickten. Gegen diese und nicht gegen die Nazis wird ermittelt. Zivilcourage gegen Neonazis wird bestraft, das ist die bittere Realität, für die auch der Aachener Polizeipräsident verantwortlich ist. In der aktuellen Auseinandersetzung werden viele taugliche und noch mehr untaugliche Mittel gegen Neonazis diskutiert. Grundsätzlich möchte ich sagen, dass die Einschränkung demokratischer Freiheiten deshalb kein akzeptabler Weg ist, weil er den Neonazis in die Hände spielt. Sie profitieren vom starken Staat, von härteren Gesetzen, sie verdorren, je mehr Demokratie gelebt wird. Die Nationalzeitung ist voll von demagogischen Forderungen nach härteren Strafen und gar der Todesstrafe. Die Einschränkung demokratischer Freiheiten wird sich, das zeigt die Erfahrung in Deutschland, immer gegen Linke wenden. Nein: wir fordern den Ausbau der Demokratie. Was das Verbot von Naziparteien oder Organisationen angeht, so vertreten wir den Standpunkt, dass laut Grundgesetz diese bereits verboten sind und dieses Verbot endlich durchzusetzen sei. Die Debatte, ob Naziorganisationen als Vereine oder über Art. 21 Grundgesetz als Parteien über das Bundesverfassungsgericht verboten werden können, läuft ins Leere, weil es immer nur einzelne Gruppen betrifft, die sich durch Umbenennung oder Wechsel einem solchen Verbot immer haben entziehen können. Nein- wir bringen den Artikel 139 des Grundgesetzes in die Debatte ein. Ein Artikel, der seit Anbeginn drinsteht, den kaum jemand kennt, auf den sich alle Minister vereidigen lassen, der aber in der Debatte keine Rolle spielt, weil er angeblich nicht mehr gelte. Dann fragen wir uns bei den vielen Änderungen des Grundgesetzes, warum er bis heute drinsteht und warum die Bundesregierung, als sie Mitglied der Uno werden wollte, die Völkergemeinschaft damit zu beruhigen wusste, mit dem Neofaschismus werde man schon fertig, es gebe ja den Art. 139 des Grundgesetzes. Was also steht drin in diesem sagenumwobenen Artikel? Er lautet: "Die zur Befreiung des deutschen Volkes vom Nationalsozialismus und Militarismus erlassenen Rechtsvorschriften werden von den Bestimmungen dieses Grundgesetzes nicht berührt." Das versteht natürlich kein normaler Mensch. Im Grunde heißt es: Die Grundfreiheiten für Menschen und Parteien gelten für alle, außer für Nazis und ihre Nachfolger. Gemeint sind Koalitionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Benachteiligungsverbote, Demonstrationsrecht usw. Ein Beispiel für den Wortlaut einer der im Grundgesetz genannten Rechtsvorschriften: "Zu diesem Zweck werden alle Land, See und Luftstreitkräfte Deutschland, SS, Sa, SD und Gestapo....einschließlich aller anderen militärischen und halbmilitärischen Organisationen zusammen mit ihren Vereinen und Unterorganisationen, die den Interessen der Erhaltung der militärischen Tradition dienen, völlig und endgültig aufgelöst, um damit für immer der Wiedergeburt oder Wiederaufrichtung des deutschen Militarismus und Nazismus vorzubeugen...Die NSDAP ....ist zu vernichten, alle nationalsozialistischen Ämter sind aufzulösen, es sind Sicherheiten dafür zu schaffen, dass sie in keiner Form wieder auferstehen können! Jeder nazistischen und militaristischen Betätigung und Propaganda ist vorzubeugen." Ja das ist nicht nur staatlich verordneter Antifaschismus, das ist den Deutschen von den Alliierten aufgezwungener Antifaschismus. Seine Erzwingung war nötig, da die Deutschen nach den epochalen Verbrechen militärisch besiegt werden mussten, damit die Verbrechen endeten. Wieviel besser stünden wir heute da, wenn sich in der Bundesrepublik noch irgendjemand an den Artikel 139 Grundgesetz halten würde. Dann wären nicht nur alle Naziorganisationen bereits verboten, auch solch rassistische Kampagnen wie die CDU Kampagnen gegen die doppelte Staatsbürgerschaft und die "Kinder statt Inder" - Kampagne wären verboten worden. Von dem "Wirken" der Soldaten-und Wehrmachtstraditionsverbände mal ganz abgesehen. Kommen wir jetzt zum direkten Anlaß unserer Demonstration: dem Tag der Heimat, den Vertriebenenverbänden und der Beteiligung von Neofaschisten daran. Keine bestehende Neonazi-Gruppe, keine Nazipartei kommt in ihrem Programm ohne einen Artikel, einen Punkt oder Absatz zum Thema "Vertreibung" bzw. Grenzfragen herum. Der Revanchismus, die Annullierung der Ergebnisse der von Deutschland begonnenen und jeweils verlorenen Weltkriege dieses Jahrhunderts sind ein fester Bestandteil neofaschistischer Programmatik. So heißt es kurz und bündig im Programm des in Eschweiler- Dürwiß residierenden "Bildungswerk deutsche Volksgemeinschaft: "Wir verlangen die Wiedereingliederung der völkerrechtswidrig abgetrennten Gebiete". Punkt. Ich möchte in meinem Beitrag keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass das, was heute hier in Düren am Tag der Heimat ablaufen soll, eben keine folkloristische Veranstaltung sein wird, sondern eine friedensgefährdende, geschichtsrevisionistische, jedenfalls den Neofaschismus fördernde, ihn in jedem Fall verharmlosende Veranstaltung
ist.Wenn wir in unseren Flugblättern davon sprechen, dass die Organisation der Vertriebenenverbände von Mitgliedern der NSDAP gegründet wurden, so sagen wir gleichzeitig, dass nicht alle, die sich Vertriebene nennen, und auch nicht alle, die Mitglied einer Vertriebenenorganisation sind, damit Neofaschisten sind. Der heutige Redner am Tag der Heimat aber gehört einer rechtsextremen Organisation an. Und wir müssen darauf hinweisen, dass die Gründer der Vertriebenenverbände nicht nur einfach Mitlieder der Naziorganisationen waren, sondern dass an ihren Händen Blut klebt. Dafür ein Beispiel aus dem Bereich des heutigen Redners, der Sudetendeutschen Landsmannschaft, kurz SL genannt. Noch 1944, also schon in Anbetracht der Niederlage des Faschismus heckten in Karlsbrunn NSDAP Funktionäre unter Leitung des Reichsprotektors Karl-Herrmann Frank einen Plan für die Zukunft von Böhmen und Mähren aus. Dieser Plan sah so aus: "Das Fernziel nationalsozialistischer Reichspolitik in Böhmen und Mähren muß auf die Wiedergewinnung des Bodens und der auf ihm siedelnden Menschen für das deutsche Volkstum und für die Reichsidee gerichtet sein. Um dies erreichen zu können, gibt es zwei Möglichkeiten, entweder a) die totale Aussiedlung der Tschechen aus Böhmen und Mähren in ein Gebiet außerhalb des Reiches oder b) bei Verbleiben eines Großteils der Tschechen in Böhmen und Mähren die gleichzeitige Anwendung vielfältigster der Assimilation und Umvolkung dienenden Methoden...: 1. Die Umvolkung der rassisch geeigneten, also blutmäßig für uns erwünschten Tschechen. 2. Die Aussiedlung von rassisch unverdaulichen Tschechen und aller destruktiven Elemente der reichsfeindlichen Intelligenzschicht. 3. Die Neubesiedlung dadurch freigewordenen Raumes mit frischem Blut". Nach den bisher schon verübten Verbrechen der Deutschen während der Besetzung des Landes sahen die Pläne der Faschisten also noch weit größere Verbrechen vor, von denen sie nur abgehalten wurden, weil Deutschland den Krieg verlor, für uns und die Völker der Erde ein segensreiches Ereignis. An den genannten Plänen hatten sich auf der Sitzung in Karlsbrunn folgende Personen beteiligt: Dr. Franz Böhm, Leiter des Gaugerichts der NSDAP, nach 1945 Bundesvorsitzender der SL, bis 1975 Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen. Rudolf Staffen, NSDAP Gauamtsleiter, Abschnittsleiter Gau Sudetenland, bis zu seinem Tod Mitglied des Bundesvorstands der SL, Rudolf Wenzel, SS- Sturmbannführer, Mitglied der SL Bundesversammlung, Mitarbeiter der SL Geschäftsstelle. Also diese Leute, die nur knapp an der Durchführung der verbrecherischsten Ziele gehindert worden waren, stellten sich nach 1945 als Opfer, als Unschuldige, als Vertriebene dar. Und damit sind wir mitten im Zentrum der Veranstaltung gegen die wir heute protestieren:

Am heutigen Tag der Heimat steht die "Charta der Heimatvertriebenen" im Mittelpunkt, wie sie vor 50 Jahren am 5. August 1950 zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Diese Charta wird landauf-landab gelobt als " Dokument politischer Vernunft und moralischer Größe". Tatsächlich aber ist diese Charta die "Initialzündung der Verdrängung" und ein "klassisches Dokument der Unbußfertigkeit", so jedenfalls urteilt der Schriftsteller Ralph Giordano. 5 Jahre nach den größten Verbrechen, die je in deutschen Namen und von Deutschen begangen wurden, findet sich über diese Verbrechen kein einziges Wort in der Charta. Die Namen Auschwitz und Hitlersucht man vergebens. Auch über die ersten vertriebenen Deutschen, Juden und Nichtjuden, die nach dem 30. Januar aus berechtigter Angst um ihr Leben aus Deutschland flüchten mussten, die ersten vertriebenen Deutschen, steht kein Wort in der Charta. Die Worte von Richard von Weizsäcker, dem ehemaligen Bundespräsidenten, dass die Katastrophe nicht am 8. Mai 1945 begann, sondern am 30. Januar 1933, dieser Gedankengang fehlt bei den Vertriebenen völlig. Stattdessen stellen sie sich dar als die "vom Leid der Zeit am schwersten Betroffenen". 5 Jahre, nachdem Auschwitz seinen Vernichtungsbetrieb einstellen musste, 5 Jahre nachdem ein Sechstel der polnischer Bevölkerung ermordet worden war, 5 Jahre nachdem die Deutschen 26 Millionen Menschen in der UdSSR umgebracht hatten, da verzichten die Vertriebenen "auf Rache und Vergeltung". Sie stellen sich als unschuldige Opfer dar und wollen "die Völker der Welt" in die Mitverantwortung für ihr Schicksal stellen. Das ist eine fast unglaublich ignorante Verkennung des tatsächlichen Geschehens. Besser umschreibt es Willy Brandt, wenn er sagt: " Wir konnten nichts verlieren und haben nichts verloren, was Hitler nicht schon verspielt hatte." Kanzler Schröder hat sich natürlich nicht getraut, den Vertriebenen auf ihrem Treffen dieses Zitat seines Ehrenvorsitzenden zuzumuten. Könnten ja Wähler drunter sein. Auf dem Bundestreffen der Vertriebenen, das der SPD Vorsitzende Schröder mit seiner Anwesenheit aufwertete standen zwei Themen im Vordergrund. 1. Die Errichtung eines Bundeszentrums der Vertreibung in Berlin. Auf die Frage, ob ein solches Zentrum nicht die Vernichtungspolitik der Nazis in den Hintergrund dränge, antwortet die Vorsitzende des BdV, Frau Steinbach, CDU: "Unser Konzept wird keine Relativierung sein. Das Thema Vertreibung der Juden und schließlich konsequente Vernichtung derer, die noch da waren, gehört selbstverständlich in den Gesamtkontext mit hinein. Es gehört zum Beispiel auch hinein die Vernichtung des armenischen Volkes im Osmanischen Reiches zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wir wollen im Kern die Vertreibung der Deutschen zeigen, aber Andockstellen bieten für das, was es vor und nach 1945 in Europa und der Welt an Vertreibungen gegeben hat." Aus den Worten von Frau Steinbach können wir folgendes lernen: 1. Die Ermordung von 6 Millionen Juden gehört in den Gesamtkontext deutscher Opfermystik und die Shoah wird zur "Andockstelle" deutscher Vertreibung. Gleichzeitig wiederholt Frau Steinbach das zentrale Argument von Nolte und anderen im Historikerstreit, nachdem alle Völker Dreck am Stecken haben, also die Shoah eines von vielen Verbrechen und eben nicht einzigartig war. Der zweite Punkt und hier sind sich Bundesregierung und Vertriebenenverbände einig. Der Angriffskrieg Deutschlands gegen Jugoslawien war das Stichwort dafür, dass nunmehr auch der Einsatz kriegerischer Mittel für die Erreichung eines angeblichen Rechts auf Heimat deutscher Vertriebener eingesetzt werden können. Wer das für übertrieben hält, sollte sich von Frau Steinbach und Herrn Hupka belehren lassen: "Nichts anderes als heute den Kosovo-Albanern widerfuhr den Ost und Sudetendeutschen....Die deutschen Heimatvertriebenen waren weithin schutz- und wehrlose Opfer...Es führt kein Weg daran vorbei, dass aus der Universalität der Menschenrechte das Gebot der Gleichbehandlung für Vertreibungsopfer folgt. Vertriebene wegen ihrer- zum Beispiel deutschen- Volkszugehörigkeit zu ignorieren, ihr Schicksal indolent zu einer abgeschlossenen historischen Epoche zu erklären ist ein eklatanter Verstoß gegen einen der wohl festbegründetsten Rechtssätze, das Diskriminierungsverbot." Schreibt Frau Steinbach am 12.5.99 oder in einfachen Worten: Wenn Ihr wegen der Vertreibung der Kosovo-Albaner Bomben einsetzt, müsst ihr das auch für uns tun, denn deutsche Vertreibung ist nicht abgeschlossen und ihr wollt uns doch nicht diskriminieren. Das also ist der Zusammenhang, wenn wir auf unsere Transparente schreiben "Revanchismus bedeutet Krieg". Herr Hupka findet diese Vorstellung "aufregend und neu". Am 17.4.99 schreibt er: " Die Anerkennung des Rechts auf die Heimat und die Identifizierung der Staatengemeinschaft damit können in ihrer Bedeutung gar nicht überschätzt werden." Vor allem Herr Hupka dürfen die Gefahren für den Frieden durch Vertriebenenpolitiker nicht unterschätzt werden! Wenden wir uns zuletzt den Witikonen zu, der- wie sie im Untertitel schreiben- "nationalen sudetendeutschen Gesinnungsgemeinschaft". Es ist eine kleine Gruppe, die aber erheblichen Einfluss hat. Sie schreiben selbst in ihrem Witiko-Brief: "in den führenden Organen der Sudetendeutschen Landsmannschaft sind unsere Mitglieder stark vertreten. Der Präsident der Bundesversammlung, des höchsten Beschlussorgans unserer Volksgruppe ist Witikone, vier von acht Ausschussvorsitzenden und sechs von sechzehn Bundesvorstandsmitgliedern gehören unserem Bund an." Die Witikonen sind also keine zu vernachlässigende Randgruppe. Der Witiko-Bund stellt die bestehenden Grenzen in Europa in Frage und ist bereit, diese auch mit Gewalt zu verändern. Der Vorsitzende des Witiko-Bundes schreibt: "Das grausame Geschehen einer Vertreibung kann eines Tages die Vertreiber selbst treffen." Sein Stellvertreter führt aus, wenig moderater: "Eine friedliche Veränderung- auch der staatsrechtlichen Verhältnisse und damit der völkerrechtlich anerkannten Grenzen-darf nicht von vornherein ausgeschlossen werden. Es gibt keine überzeugende Begründung für die Zementierung der Unrechtsregelung von St. Germain." Mehr noch als die personelle Kontinuität zwischen den NSDAP Kadern der Henlein Faschisten und dem Witiko-Bund sagt die Kontinuität der Ideologie etwas über den Charakter dieses Witiko-Bundes aus. Der Kampf gegen Versailles war schon bei den Nazis Agitationsschwerpunkt. Und sie werden nicht müde, die Annexions- und Eroberungspolitik der Nazis zu rechtfertigen. Im Mitteilungsblatt der Witikonen schreibt der Chefideologe der NPD: "Mit der Abtrennung der Sudeten wurde das Unrecht von 1918 beseitigt. In beiden Fällen [Österreich ist No 2] gibt es triftige Gründe für die Eingliederung. Es wurde vereinigt, was zusammenstrebte." Und auch der Redner am heutigen Tage findet, dass die Annexion "eine Antwort [war] auf die Aufteilung Österreich-Ungarns, an der Masaryk und der spätere Außenminister und Staatspräsident Eduard Benes aktiv mitgewirkt haben" Dies vertraute Herr Goldmann, der bei seinen Kritikern auch schon mal gern die "jüdische Abstammung" kritisiert, der neofaschistischen Wochenzeitschrift "Junge Freiheit am 19.5. 2000 an. Dieser Herr Goldmann, der nun behauptet, er gehöre dem Witiko-Bund nicht mehr an, war während der von mir hier angeführten Zitate Funktionsträger des Witiko-Bundes und gleichzeitig CDU Mitglied, zuletzt Mitglied des Landtages. Wem das alles noch nicht reicht, wer die Gefahr, die von der Infragestellung der Grenzen in Europa ausgeht, nicht überzeugt ist, den können vielleicht die Zitate der Witikonen zu gesellschaftspolitischen Themen davon überzeugen, dass wir Recht haben mit unserer These: Der Witiko-Bund ist eine rechtsextreme Organisation: Der Bundesvorsitzende des Witiko-Bundes überreicht Interessenten eine Selbstdarstellung des Witiko-Bundes, die von keinem NPD-Programm übertroffen wird: "Wie jeder Einzelne seinen eigenen Lebensbereich in Freiheit wahrnehmen muss, so muss auch jedes Volk sich in seinem ganzen rechtsmäßigen Siedlungsgebiet in Frieden und Freiheit leben und entfalten können"...An die Stelle der liberal getarnten, liberalistischen, lebenswidrigen Ideologien muss das von den zeitlos gültigen Naturgesetzen ableitbare lebensfördernde und lebensdienliche Prinzip des Sittengesetzes treten. ...Naturwidrige Entgleisungen sind auch lebenswidrig." Wem das zu theoretisch ist- und es ist die "Theorie" des Faschismus, dem kann auch mit sehr offenen rassistischen Kommentaren der Witikonen gedient werden. So steht im Witiko Brief zu lesen: "Diese Flut von unerwünschten Ausländern birgt größte Gefahren in sich, vor allem in der Infrastruktur. Beispielsweise könnten durch Streiks Betriebe oder der Verkehr lahmgelegt werden, nationalistisch aufgeheizt könnten Divisionen von Staatsfeinden im Land operieren, ohne dass die Grenze erst überschritten werden muss. Der Personenkreis, der jetzt in die Bundesrepublik kommt, stammt aus uns fremden Kulturen, hat keine Ahnung von deutscher Sprache und der lateinischen Schrift, ist lernunwillig und lernunfähig, so dass qualifizierte Berufe für sie ausscheiden. Überlegen sind diese Ausländer aber ihren deutschen Partnern mit ihrem levantinischen Spürsinn für das Geschäftemachen." Das ist also der Witiko-Bund, dessen Vertreter der Redner des heutigen Tags in Düren ist bzw. war. Es entschuldigt den Mann überhaupt nicht, dass er nicht mehr Mitglied der Witikonen ist. Warum ist er es geworden, warum ist er es so lang geblieben? Warum schämen sich die offiziellen Vertreter der Stadt nicht, wenn sie diesem Mann die Hand reichen. Wir haben hier informiert über die Gefährlichkeit von Rassismus, Faschismus und Revanchismus, über den Tag der Heimat und den Redner des heutigen Tags. Wir protestieren dagegen, dass solchen Leuten in Düren und anderswo ein Podium geboten wird. Unsere Losung, die wir von niemand auseinanderreissen lassen lautet nach wie vor: Nie wieder Krieg- Nie wieder Faschismus. Keine öffentlichen Gelder für die friedensgefährdenden Aktivitäten der Vertriebenen. Helft lieber den Flüchtlingen, die zu uns kommen. Grenzen auf für alle. Aber zeigt den Vertriebenen ihre Grenzen.

projekt antifa
sei hipp und mach mit